{"id":7163,"date":"2021-09-23T10:04:24","date_gmt":"2021-09-23T08:04:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.arbrb.de\/blog\/?p=7163"},"modified":"2023-07-20T15:52:46","modified_gmt":"2023-07-20T13:52:46","slug":"arbeitszeugnis-anspruch-auf-dankes-bedauerns-und-wunschformel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arbrb.de\/blog\/2021\/09\/23\/arbeitszeugnis-anspruch-auf-dankes-bedauerns-und-wunschformel\/","title":{"rendered":"Arbeitszeugnis: Anspruch auf Dankes-, Bedauerns- und Wunschformel"},"content":{"rendered":"<p>Bereits das LAG D\u00fcsseldorf besch\u00e4ftigte sich Anfang des Jahres mit der Frage, ob Arbeitnehmende einen Anspruch auf eine Dankes- und Wunschformel haben <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=rs.lagduesseldorf.20210112.3sa800\/20\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(Urteil vom 12.1.2021 \u2013 3 Sa 800\/20)<\/a>. Nunmehr hatte das <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=nas1f3a9113ad4648e088b412e6af47aa7c\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LAG M\u00fcnchen (Urteil vom 15.7.2021 \u2013 3 Sa 188\/21)<\/a> die Frage zu entscheiden, ob \u00fcber eine Dankes- und Wunschformel hinaus auch ein Anspruch auf eine Bedauernsformel besteht.<\/p>\n<h1><strong>Die Leits\u00e4tze des LAG M\u00fcnchen<\/strong><\/h1>\n<ol>\n<li>Eine Arbeitnehmerin, deren Leistung und Verhalten im Endzeugnis mit &#8222;gut&#8220; bewertet worden ist, hat keinen Anspruch auf Bescheinigung des Bedauerns \u00fcber ihr Ausscheiden, schon gar nicht auf die Steigerung &#8222;wir bedauern sehr&#8220;.<\/li>\n<li>Es besteht kein Anspruch darauf, dass (gute) W\u00fcnsche f\u00fcr die private Zukunft in die Schlussformel eines Endzeugnisses aufgenommen werden.<\/li>\n<\/ol>\n<h1><strong>Kein Anspruch auf Bedauernsformel<\/strong><\/h1>\n<p>Das LAG M\u00fcnchen verneinte vorliegend einen Anspruch auf eine Bedauernsformel.<\/p>\n<ul>\n<li>Das LAG lie\u00df offen, ob dem Grundsatz nach ein Anspruch auf eine Bedauernsformel besteht. Jedenfalls sei bei einem Zeugnis mit lediglich der Note \u201egut\u201c eine Bedauernsformel nicht \u00fcblich.<\/li>\n<li>Ohne einen Bedauernsausdruck wirke das Zeugnis weder in sich widerspr\u00fcchlich noch stehe die Auslassung im Widerspruch zu den sonstigen Bewertungen.<\/li>\n<li>Auch sei eine Bedauernsformel nicht von dem f\u00fcr Arbeitszeugnisse geltenden Grundsatz der Wahrheitspflicht erfasst. Gegenstand der Wahrheitspflicht seien objektiv beweisbare Tatsachen, wohingegen der Ausspruch des Bedauerns keine Tatsache, sondern ein pers\u00f6nliches Empfinden darstelle.<\/li>\n<li>Die \u00c4u\u00dferung eines tats\u00e4chlich nicht vorhandenen Bedauerns w\u00e4re \u00fcberobligatorisch und k\u00f6nne daher nicht verlangt werden (\u00fcbereinstimmend mit <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=rs.lagduesseldorf.20210112.3sa800\/20\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LAG D\u00fcsseldorf, Urteil vom 12.01.2021 &#8211; 3 Sa 800\/20<\/a>).<\/li>\n<li>Insbesondere bestehe kein Anspruch auf die von der Arbeitnehmerin eingeklagte Formulierung, dass das Ausscheiden \u201esehr\u201c bedauert werde. Eine solche gesteigerte Bedauernsformel k\u00e4me nur bei einem sehr guten Zeugnis in Betracht, st\u00e4nde im Widerspruch zu dem sonstigen Zeugnisinhalt und w\u00fcrde diesen relativieren.<\/li>\n<\/ul>\n<h1><strong>Teilweiser Anspruch auf Wunschformel<\/strong><\/h1>\n<p>Bez\u00fcglich einer Wunschformel bejahte das LAG einen Anspruch lediglich hinsichtlich der guten W\u00fcnsche f\u00fcr die beruflich Zukunft und begr\u00fcndete dies wie folgt:<\/p>\n<ul>\n<li>Ein Anspruch auf gute W\u00fcnsche f\u00fcr die private Zukunft ergebe sich weder aus \u00a7 109 Abs. 2 S. 1 GewO noch aus \u00a7 241 Abs. 2 BGB i. V. m. \u00a7 109 Abs. 1 Satz 3, Abs. 2 GewO.<\/li>\n<li>Ein Zeugnis richte sich nicht in erster Linie an die Arbeitnehmerin pers\u00f6nlich, sondern diene vor allem als Bewerbungsunterlage f\u00fcr k\u00fcnftige Arbeitgebende.<\/li>\n<li>Ob Arbeitgebende ihre Empfindungen in einem prim\u00e4r an unbekannte Dritte gerichteten Zeugnis zum Ausdruck bringen, sei zwar eine Frage des pers\u00f6nlichen Stils (BAG, Urteil vom 11.12.2012 &#8211; 9 AZR 227\/11, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=arbrb.2013.03.r.02\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/suche?q=%5B%7B%22txt%22:%22pubyear:2013%22%7D,%7B%22txt%22:%22source_page:68%22%7D,%7B%22txt%22:%22all_source_2:arbrb%22%7D%20%5D\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">ArbRB 2013, 68<\/a><\/a> [<em>Oetter<\/em>]). Da das Zeugnis jedoch dem beruflichen Fortkommen diene, bejahte das LAG M\u00fcnchen einen Anspruch auf gute W\u00fcnsche hinsichtlich der beruflichen Zukunft. Lediglich hinsichtlich der W\u00fcnsche f\u00fcr die private Zukunft schloss sich das LAG der Rechtsprechung des BAG an und verneinte einen Anspruch hierauf.<\/li>\n<\/ul>\n<h1><strong>Einordnung <\/strong><\/h1>\n<p>Das LAG M\u00fcnchen bejaht entgegen der Grundsatzentscheidung des BAG zur Schlussformel vom 20.02.2001 (9 AZR 44\/00,\u00a0<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=arbrb.2001.01.r.06\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/suche?q=%5B%7B%22txt%22:%22pubyear:2001%22%7D,%7B%22txt%22:%22source_page:10%22%7D,%7B%22txt%22:%22all_source_2:arbrb%22%7D%20%5D\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">ArbRB 2001, 10<\/a><\/a> [<em>Berscheid<\/em>]) und deren Folgerechtsprechung <a href=\"https:\/\/www.bundesarbeitsgericht.de\/entscheidung\/9-azr-227-11\/?highlight=9+AZR+227%2F11\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(BAG, Urteil vom 11.12.2012 &#8211; 9 AZR 227\/11<\/a>,\u00a0<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=arbrb.2013.03.r.02\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/suche?q=%5B%7B%22txt%22:%22pubyear:2013%22%7D,%7B%22txt%22:%22source_page:68%22%7D,%7B%22txt%22:%22all_source_2:arbrb%22%7D%20%5D\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">ArbRB 2013, 68<\/a><\/a> [<em>Oetter<\/em>]) einen Anspruch auf gute W\u00fcnsche f\u00fcr die berufliche Zukunft. Die Entscheidung liegt jedoch teilweise auf einer Linie mit der st\u00e4ndigen Bezirksrechtsprechung des LAG D\u00fcsseldorf sowie des LAG Hamm, die bei einem \u00fcberdurchschnittlichen Zeugnis grunds\u00e4tzlich einen Anspruch auf eine Dankes- und Wunschformel bejahen (<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=rs.lagduesseldorf.20210112.3sa800\/20\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LAG D\u00fcsseldorf, Urteil vom 12.1.2021 \u2013 3 Sa 800\/20;<\/a> <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=rs.lagduesseldorf.20080521.12sa505\/08\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LAG D\u00fcsseldorf Urteil vom 21.05.2008 &#8211; 12 Sa 505\/08<\/a> und <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=rs.lagduesseldorf.20101103.12sa974\/10\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LAG D\u00fcsseldorf Urteil vom 03.11.2010 &#8211; 12 Sa 974\/10<\/a>, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=arbrb.2011.07.r.11\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/suche?q=%5B%7B%22txt%22:%22pubyear:2011%22%7D,%7B%22txt%22:%22source_page:202%22%7D,%7B%22txt%22:%22all_source_2:arbrb%22%7D%20%5D\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">ArbRB 2011, 202<\/a><\/a> [<em>Sch\u00e4der<\/em>]; <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=rs.laghamm.20110908.8sa509\/11\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LAG Hamm Urteil vom 08.09.2011 &#8211; 8 Sa 509\/11<\/a>).<\/p>\n<p>Das LAG D\u00fcsseldorf sieht eine Dankes- und Wunschformel als ein Gebot der H\u00f6flichkeit an und begr\u00fcndet einen Anspruch hierauf mit \u00a7 109 GewO, \u00a7 241 Abs. 2 BGB. Fehle eine entsprechende Schlussformel, werde das Arbeitszeugnis gleich wieder \u201eentwertet\u201c.<\/p>\n<h1><strong>Fazit und praktische Hinweise<\/strong><\/h1>\n<p>Die sich abzeichnende Entwicklung in der Instanzrechtsprechung ist zu begr\u00fc\u00dfen. Allen Praktiker:innen f\u00e4llt es unmittelbar negativ auf, wenn ein Arbeitszeugnis nicht mit einer entsprechenden und positiven Schlussformel endet. Eine \u00c4nderung der h\u00f6chstrichterlichen Rechtsprechung ist daher w\u00fcnschenswert. Sie w\u00fcrde zur besseren Vergleichbarkeit von Zeugnissen beitragen sowie die in der Praxis hierzu oft emotional gef\u00fchrten Diskussionen er\u00fcbrigen.<\/p>\n<p>Um Folgestreitigkeiten zu vermeiden, ist daher bis auf Weiteres bei gerichtlichen Einigungen darauf zu achten, dass diese einen vollstreckbaren, bzw. bei au\u00dfergerichtlichen Einigungen, dass diese einen einklagbaren Inhalt haben. Der sicherste Weg ist daher, den kompletten Zeugnistext in die Einigung mit aufzunehmen. Da dies in der Praxis oftmals umst\u00e4ndlich und unpraktikabel ist, ist es empfehlenswert, zumindest die konkrete Formulierung der Leistung- und Verhaltensbewertung sowie die konkrete Formulierung der Schlussformel w\u00f6rtlich mit aufzunehmen.<\/p>\n<p>Auch wenn all dies nicht erfolgt ist, f\u00fchrt dies nicht dazu, dass f\u00fcr Arbeitnehmende alles verloren w\u00e4re. Sofern in der Einigung zumindest aufgenommen ist, dass ein Zeugnis mit einer &#8222;\u00fcblichen Dankes- und Bedauernsformel&#8220; zu erteilen ist, wird teilweise vertreten, auch dieser \u00fcbliche und ohne weiteres hinreichend bestimmbare &#8222;Standardsatz&#8220; sei vollstreckbar (vgl. hierzu \u00a0<a href=\"https:\/\/www.arbrb.de\/blog\/2018\/06\/07\/zeugnisstreit-eine-uebliche-dankes-und-bedauernsformel-ist-vollstreckbar\/\">Blog von Schneider<\/a> zu <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=rs.lagberlinbrandenburg.20180405.9ta1625\/17\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LAG Berlin-Brandenburg Urt. v. 05.04.2018 &#8211; 9 Ta 1625\/17<\/a> auf www.arbrb.de).<\/p>\n<h1><strong>Mehr zum Thema &#8222;Arbeitszeugnis&#8220;:<\/strong><\/h1>\n<p>Die eingangs zitierte Entscheidung des LAG D\u00fcsseldorf\u00a0(<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=rs.lagduesseldorf.20210112.3sa800\/20\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">3 Sa 800\/20<\/a>) von Anfang dieses Jahres habe ich auf www.arbrb.de bereits in einem <a href=\"https:\/\/www.arbrb.de\/blog\/2021\/03\/23\/arbeitszeugnis-anspruch-auf-dankes-und-wunschformel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">separaten Blog<\/a> besprochen.<\/p>\n<p>Zur Frage, ob ein Anspruch auf ein ungeknicktes und ungetackertes Arbeitszeugnis besteht, finden Sie auf <a href=\"http:\/\/www.arbrb.de\">www.arbrb.de<\/a> einen <a href=\"https:\/\/www.arbrb.de\/blog\/2018\/06\/26\/fuer-das-sommerloch-ungeknickte-und-ungetackerte-arbeitszeugnisse\/\">Beitrag von Grimm<\/a> zu <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=rs.bag.19990921.9azr893\/98\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LAG Rheinland-Pfalz v. 21.09.1999 \u2013 9 AZR 893\/98<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereits das LAG D\u00fcsseldorf besch\u00e4ftigte sich Anfang des Jahres mit der Frage, ob Arbeitnehmende einen Anspruch auf eine Dankes- und Wunschformel haben (Urteil vom 12.1.2021 \u2013 3 Sa 800\/20). 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