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Konflikte im Arbeitsverhältnis als Gesundheitsrisiko? - Stressfolgen können Arbeitsunfall darstellen (Oberthür, ArbRB 2021, 215)

Konflikte am Arbeitsplatz sind keine Seltenheit. So können etwa Streitigkeiten mit Kollegen, negative Jahresgespräche oder Trennungsgespräche erhebliche Stressfaktoren darstellen. Erleidet ein Arbeitnehmer im Zusammenhang mit einer solchen Belastung einen Gesundheitsschaden, kann dies weitreichende Folgen haben. Der Beitrag gibt einen Überblick über Voraussetzungen und Folgen der Anerkennung eines solchen Schadens als Arbeitsunfall sowie über weitere haftungsrechtliche Fragen.

I. Vorliegen eines Arbeitsunfalls
1. Ausübung der versicherten Tätigkeit
2. Konfliktsituation als Unfallereignis
3. Kausalität
a) Natürlicher und adäquater Kausalzusammenhang
b) Rolle von Vorerkrankungen
c) Psychische Gesundheitsschäden
II. Leistungssystem der gesetzlichen Unfallversicherung
1. Haftung des Arbeitgebers gegenüber dem Arbeitnehmer
2. Haftung des handelnden Arbeitnehmers gegenüber dem Arbeitnehmer
3. Haftung des Arbeitgebers gegenüber dem Unfallversicherungsträger
III. Zusammenfassung


I. Vorliegen eines Arbeitsunfalls

Arbeitsunfälle, die zu Leistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung führen, sind gem. § 8 Abs. 1 SGB VII „Unfälle von Versicherten infolge einer versicherten Tätigkeit“. Voraussetzungen eines Arbeitsunfalls sind mithin

  • die Ausübung einer versicherten Tätigkeit,
  • ein Unfallgeschehen mit Gesundheitsschaden und
  • eine Kausalität sowohl zwischen versicherter Tätigkeit und dem Unfallgeschehen als auch zwischen dem Unfallgeschehen und dem Gesundheitsschaden.

1. Ausübung der versicherten Tätigkeit
In einem Arbeitsverhältnis ist die versicherte Tätigkeit grds. die Erbringung der vertraglich geschuldeten Arbeitsleistung. Voraussetzung eines Arbeitsunfalls ist deshalb, dass die zum Unfall führende Tätigkeit darauf ausgerichtet ist, eine arbeitsvertragliche Verpflichtung zu erfüllen, oder dass der Arbeitnehmer dies zumindest berechtigterweise annimmt.

In dem entschiedenen Fall  hatte sich die Mitarbeiterin für einen Kollegen eingesetzt, den der Vorgesetzte wegen einer Kassendifferenz melden wollte; insoweit bedurfte es seitens des Gerichts noch der Aufklärung, ob die Mitarbeiterin davon ausgehen konnte, dass sie mit ihrem Eintreten für einen Kollegen auch eine eigene Verpflichtung aus dem Beschäftigungsverhältnis erfüllte oder zumindest unternehmensbezogene Rechte aus ihrem Arbeitsverhältnis wahrnahm.

Beraterhinweis
Um als Arbeitsunfall anerkannt zu werden, muss eine Konfliktsituation am Arbeitsplatz stets einen hinreichenden Bezug zum eigenen Arbeitsverhältnis des verletzten Mitarbeiters haben; dies wird regelmäßig gegeben sein, wenn der Konflikt das Arbeitsverhältnis des Mitarbeiters unmittelbar betrifft, nicht aber, wenn es sich um einen von der Arbeitsplatzsituation gänzlich unabhängigen Konflikt zwischen Kollegen handelt.

2. Konfliktsituation als Unfallereignis
Unfälle sind definitionsgemäß „zeitlich begrenzte, von außen auf den Körper einwirkende Ereignisse, die zu einem Gesundheitsschaden oder zum Tod führen“. Für den Unfallbegriff ist nicht erforderlich, dass ein besonderes oder ungewöhnliches Geschehen vorliegt; vielmehr genügt als von außen auf den Körper einwirkendes Ereignis auch ein alltäglicher Vorgang, so dass ...
 



Verlag Dr. Otto Schmidt vom 14.07.2021 10:30
Quelle: Verlag Dr. Otto Schmidt

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